19. September 2016

Dr. Middeldorfs Rede zur Eröffnung des 25-jährigen Jubiläums am 16.9.2016

Meine sehr verehrten Gäste von nah und fern,

ich heiße Sie alle auf das Herzlichste willkommen und freue mich über Ihr Interesse für unsere Intensive Sprachtherapie und über die Ehrerbietung, die Sie mit Ihrer Anwesenheit unserem LogoZentrum zum Ausdruck bringen.
Liebe ehemaligen und aktuellen Patientinnen und Patienten, liebe Patienten- Partnerinnen und -Partner,
liebe Gäste aus der neuropsychologischen Wissenschaft, ganz besonders freuen wir uns über den Besuch von Prof. Dr. Domahs, der heute die erkrankte Frau Dr. Breitenstein aus Münster vertritt und ihren Wortbeitrag vortragen wird.
Ganz herzlichen Dank, Herr Domahs, und richten Sie bitte Frau Breitenstein unsere stärksten Genesungswünsche aus.

Ich heiße auch Sie, Herr Bürgermeister Dr. Ludwig, herzlich willkommen.
Ich hoffe, dass Sie bisher nur Positives über unser Zentrum gehört haben.
Einer Ihrer Vorgänger als Verwaltungschef Lindlars, der ehemalige Gemeindedirektor Heimes, der anlässlich der Eröffnung unseres LogoZentrums vor 25 Jahren seinerseits eine mutmachende Rede gehalten hat, hatte uns zugesagt, auch heute nach Ihnen eine Rede zum 25. zu halten.
Doch leider ist ihm das wegen eines Krankenhausaufenthaltes nicht möglich.
Herr Heimes, ich denke an Sie ! Wir wünschen Ihnen schnelle Genesung.

Ich heiße die Gründungsmitglieder des Fördervereins Sprachheilzentrum Oberberg.e.V. aus dem Jahr 1998 herzlich willkommen ! Eheleute Odenhausen, Eheleute Wedel, Frau Grenningloh. Ich freue mich, auch weitere Mitglieder unseres Fördervereins „Sprachheilzentrum Oberberg e.V.“ begrüßen zu können.
Mit der Gründung des Fördervereins haben wir einen wesentlichen Grundstein für die Intensiv-Sprachtherapie im dann zwei Jahre später eröffneten LogoZentrum Lindlar gelegt.

Ein herzliches Willkommen auch den Lindlarer Ärzten Dr. Blettenberg und Dr. Franchy ! Mit diesen Ärzten, sehr verehrte Gäste, stehen wir heute im konsiliarischen Kontakt.
In den ersten 10 Jahren hat Dr. Blettenberg unsere Arbeit hier im Zentrum medizinisch eng begleitet und beraten. Dann veränderte sich die Bedarfslage.
Es zeigte sich, dass unsere Intensiv-Patienten während ihres Lindlar-Aufenthaltes im weitesten Sinne keinen Arzt benötigten, denn in der Regel kommen sie medikamentös gut eingestellt zu uns. Doch wenn es notwendig sein sollte, dann gehen die akut Erkrankten entweder in die Praxis Dr. Blettenberg hier gegenüber jenseits des Parks oder zu Dr. Franchy am unteren Ende der Kamper Straße.
Ich heiße auch den Neurologen und Psychiater Herrn Hastrich herzlich willkommen, der monatlich bei unseren Intensiv-Rehabilitanden Visite macht und deren medikamentöse Versorgung supervidiert und sie bei Bedarf neu einstellt. Er berät unsere Pfleger und Betreuer und spricht mit den Rehabilitanden.
Ihnen, meine Herren Ärzte, danke ich herzlich für die angenehme und vertrauensvolle Zusammenarbeit in der Vergangenheit und heute. Sie tragen als medizinische Stütze zum Wohlergehen unserer Patienten bei.
Danke.
Ich freue mich, auch Vertreter unserer Kooperations- und Geschäftspartner sowie der Kostenträger begrüßen zu dürfen.
Herzlich willkommen !

Gibt es ein florierendes Unternehmen ohne solide beraterische Flankierung in Unternehmens-, Finanz- und Steuerfragen ?
Ein herzliches Willkommen dem Unternehmens- und Steuerberater Herrn Andreas Baldsiefen und seinem Kollegen Herrn Schürhaus aus Wipperfürth !

Ein herzliches Willkommen auch den Herren Fehling und Vilmar, dem Vorstand der Volksbank Wipperfürth-Lindlar und Herrn Pohl, unserem engsten Volksbankgesprächspartner. (Spende ?)Wenn das liebe Geld nicht wäre, dann hätten wir uns wahrscheinlich nie kennengelernt. Um so schöner ist es, Ihnen zu zeigen, wo Ihr Geld steckt !

Herzlich willkommen heiße ich auch die Damen und Herren der Berufsgenossenschaften und anderer Kostenträger. Ich gehe mit großer Hoffnung davon aus, dass unser Haus aus Ihrer Sicht das liefert, wofür wir bezahlt werden.

Ich freue mich Frau Päßler-van Rey hier zu wissen, Vertreterin der Fortbildungsakademie der Wirtschaft, Köln, die die berufliche Integration unserer Rehabilitanden organisiert und begleitet.

Ich freue mich auch über den Besuch von Frau Ruinting aus der Universität zu Köln in Vertretung von Frau Dr. Neumann. Hier wird zum Ausdruck gebracht, was wir sehr gutheißen: Die Wissenschaft tritt aus dem gläsernen Turm heraus, um sich der praktischen Anwendung dessen, was Sie den Studenten auf theoretischer Ebene vermitteln, zu vergewissern.

Liebe dienstältere und jüngere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unseres Zentrums ! Schön ist, dass Sie heute Nachmittag die spezielle Gelegenheit haben, Einblicke in die 25jährige Entwicklung unseres Hauses gewinnen zu können.
Ich freue mich sehr, dass sich alle aus unserem Haus als Aktivisten dieses „besonderen“ LogoZentrums Lindlar verstehen.

Auch alle fachlich Interessierten und Fachkundigen von nah und fern heiße ich herzlich willkommen.
Ich vermute, dass Sie reichlich Fragen mitgebracht haben. Ich bin sicher, dass Sie diese auch heute beantwortet bekommen.
Ich wünsche Ihnen einen informativen aber auch unterhaltsamen Nachmittag.

Ich freue mich auch sehr über den Besuch unserer engen Freunde und der Mitglieder meiner Familie und der von meiner Frau Hannelore. Ihr habt ja aus einer etwas anderen Perspektive die 25jährige Geschichte des Logozentrums mit Interesse begleitet und verfolgt.
Seid herzlich willkommen, Hille und Achim Goldner, Bärbel und Wolf Bloemers, Ilona und Sigurd Middeldorf und Heidrun Becker und Heinz Duda.
Schön dass Ihr da seid.
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Liebe Gäste, in den nächsten Minuten möchte ich mit Ihnen auf den Verlauf der Entwicklung des LogoZentrums Lindlar während der vergangenen 25 Jahre zurückblicken.

Ja, am 16.10.1991 fand die offizielle Eröffnung statt.
25 Jahre ist das her, dass wir das LogoZentrum Lindlar in einem bescheiden kleinen Format ins Leben gerufen haben.
Lassen Sie mich zunächst versuchen, Ihnen zu erläutern, warum es überhaupt zu dem LogoZentrum Lindlar gekommen ist.
Das ist für diejenigen, die nicht in unserem Metier stecken, vielleicht recht interessant.
Bis Ende der 1980iger, Anfang der 1990iger Jahre, also vor rund 30 Jahren, herrschte in der Mediziner- und Therapeutenwelt die Meinung vor, dass schwerbetroffene, unter Sprachverlust nach Hirnschädigung wie Schlaganfall, Schädelhirntrauma oder Hirnblutung leidende Menschen, die Sprachstörung nennt sich Aphasie, eher geschont und vor jeglichem „Stress“ bewahrt werden müssten.
Es schaudert mich, wenn ich daran denke, dass zu jener Zeit sprachverlustige Menschen nicht selten auf das Altenteil geschoben oder noch schlimmer, ins Senioren- oder Pflegeheim transferiert wurden.
Zugegeben, zu jener Zeit war es für Protagonisten der Medizin höchst zweifelhaft, ob bei schwer hirngeschädigten aphasischen Menschen Sprachtherapie überhaupt Wirkung erzielen könne und insofern Aphasietherapie generell Sinn mache.
Zu jener Zeit grassierte in der Welt der Aphasietherapie und Aphasie-Rehabilitation eine Gemengelage aus fachlicher Unkenntnis und therapeutischem Nichtwissen. In den neurologischen Kliniken hörten Betroffene bzw. ihre Partner nach dem Hirnschaden über die Wiederherstellung der Sprache z.T. haarsträubende Aussagen aus den Mündern von Neurologen in Weiß.
Sie verbreiteten fast privat anmutende Meinungen, die die beunruhigten Patienten mehr verunsicherten als sachlich aufklären konnten.
Aus den Schilderungen unserer Patienten mussten wir schlussfolgern, dass bei den Ärzten in den Rehakliniken, aber auch bei ambulanten Hausärzten und Neurologen wenig Wissen über Sprachtherapie und ihre Möglichkeiten vorhanden war.
Zugegeben, zu jener Zeit gab es wenig bis keine deutschsprachigen Studien zu Wirkung und Sinnhaftigkeit von Aphasie-Therapie.
Es gab noch keine gesicherten Erkenntnisse hinsichtlich wirkungsvoller Therapiemodelle. Amerikanische Fallstudien erbrachten sehr widersprüchliche Ergebnisse. Die einen beschrieben eine gewisse Wirksamkeit von Aphasietherapie, andere konnte die nicht belegen.
Nun, trotz dieser etwas verwirrenden Erkenntnislage brachten mich sehr persönliche aphasietherapeutische Erfahrungen in der ambulanten Sprachtherapie zu der Überzeugung, dass man der Quantität in der Sprachtherapie viel mehr Bedeutung beimessen müsse als zu jener Zeit üblich.
Und das nicht nur im Bereich der Aphasietherapie.
Auch die Therapien funktioneller Sprach- und Sprechstörungen wie Stottern, Stimmstörung oder Sprachentwicklungsstörung würden zu deutlichen Ergebnisverbesserungen führen, wenn die wöchentlichen Sitzungszahlen erheblich erhöht würden.
Man müsse den Betroffenen über intensiveres Lernen Möglichkeiten eröffnen, ihre sprachlichen Probleme schneller und wirkungsvoller zu beseitigen – zumindest aber doch merklich zu reduzieren !

Meine Damen und Herren, die meisten von Ihnen können sich sicherlich vorstellen, wie es Menschen ergehen muss, die in ihrem Alltag nicht so gut wie gewünscht oder nicht so eloquent und flüssig wie andere Menschen Sprache verwenden können.
Wie es Eltern ergehen muss, deren Kind in seiner Sprachentwicklung plötzlich oder schleichend eine Verlangsamung oder gar einen Stillstand zeigt, der über Wochen und Monate anhält und sich nicht auswächst, wie vom Kinderarzt viel zu oft prophezeit.
Da erlebe ich die Eltern nervös fragen: Was ist da los ?
Was kann man dagegen machen ?
Wie wird sich die Störung der Sprachentwicklung auswirken ?
Unser Kind kommt doch bald in den Kindergarten, später in die Schule, und dann ?
Die Eltern sorgen sich mit Recht um die Bildungschancen wegen des nicht altersgerechten Sprachstatus ihres Kindes – und überhaupt – um seine individuelle Entwicklung bis ins Erwachsenenalter.
Wie geht es dem stotternden jungen Menschen, der sich nichts sehnlicher wünscht als endlich flüssig, so normal wie alle anderen, sprechen zu können !
Wie geht es der stimmgestörten Person, die mit ihrer schwachen, vielleicht krächzenden Stimme nicht mehr durchdringt als Ehepartner, als Abteilungsleiter, als Berater ?
Viele Betroffene, die Einschränkungen oder sogar Verluste der verbal-sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten erleben, leiden sehr darunter.
Und wie ergeht es dem Familienvater mit plötzlichem Sprachverlust – von jetzt auf gleich – nach der Hirnschädigung wie Schlaganfall, SHT, Hirnblutung ?
Und wie geht es seiner Familie, wenn er durch diese schreckliche Erkrankung als Folge die Aphasie, den Sprachverlust hat und plötzlich nicht mehr die gewünschten Wörter oder Sätze sprechen kann oder die Sprache seiner Angehörigen nicht mehr versteht oder beim Lesen die Schrift nicht mehr entschlüsseln kann und das, was er liest, nicht mehr verstehen kann ?
Wie wirkt der Verlust der Sprache auf betroffene Erwachsene, die mitten im Leben stehen und jetzt plötzlich nicht mehr sprechen können – oder die Gedanken nicht mehr aufschreiben können, die sie jemandem mitteilen wollen ?
Sie ahnen, dass die Konsequenzen eines Sprachverlustes psychisch in jedem Menschen, ob selbst betroffen oder als mit-betroffenes Familienmitglied, als guter Freund oder Kollege, extrem tiefe Erschütterungen hervorruft.
Was resultiert aus dem Sprachverlust ? Was wird nun ?
Zukunftsangst macht die Runde – vor der plötzlichen Perspektivlosigkeit, vor den Folgen, die sich zwischenmenschlich realisieren, im Privaten, in der Öffentlichkeit, im Beruf !
Nach spätestens 1 ½ Jahren, wenn die Verrentung ansteht, werden u.U. finanzielle und wirtschaftliche Einbußen Realität.

Den Betroffenen stellen sich sehr bald nach dem Ereignis unendlich viele Fragen nach den Möglichkeiten, aus dieser Sprachlosigkeit und Angst vor der ungewissen, sprachlosen Zukunft heraus zu kommen.
All diese Fragen und Umstände beeinflussen uns Therapeuten. Wir versuchen, uns diesem erschauernden und den Menschen zerstörenden Phänomen Sprachverlust mit einer professionell-sensiblen und intensiven Art zu nähern, Verständnis für die individuelle Lage eines jeden Patienten zu entwickeln und dann mit ihm ganz gezielt und individuell an der Restitution seiner Sprache zu arbeiten.
Aphasie hinterlässt oder – besser gesagt – erzeugt große Ratlosigkeit, nicht nur bei den Betroffenen und ihrem engen Umfeld – sondern selbst auch bei Medizinern und Therapeuten.
Wenn die Ehefrau eines aphasisch Erkrankten fragt: Kommt mein Mann wieder zum Sprechen ? Er konnte doch früher mit unseren Kindern so gut reden, und das vermissen sie jetzt und leiden !, dann fehlen uns zunächst solide Antworten.
Wer kann schon seriös prognostizieren, was aus dem aphasischen Menschen wird ?
Vor 25 Jahren hatten wir überhaupt keine empirisch gewonnenen Erkenntnisse, aus denen wir vorsichtige Zukunftsaussagen hätten ableiten können.
Heute, in 2016, wissen wir über rehabilitative Verläufe erheblich mehr als im Jahr 1991. Wir wissen, basiert auf unserer 25jährigen therapiepraktischen Erfahrung hier in Lindlar, dass es große Chancen gibt, selbst bei chronischer Aphasie, also bei Sprachlosigkeit, die über Jahre herrscht, sich als Patient wieder in eine verbalsprachliche Kommunikationsfähigkeit hinein zu arbeiten.
Doch auch wir sind trotz vieler Erfahrung heute noch nicht in der Lage, den Angehörigen prognostisch klar definierte Therapieergebnis voraussagen.
Aber was wir aus unserer 25jährigen Erfahrung mit Intensiv-Sprachtherapie sagen können ist, dass sich intensives Lernen bei jedem motiviert mitarbeitenden Patienten positiv auswirkt und dass jeder Patient in der 5wöchigen Intensiv-Therapiephase eine schubartige, deutlich beobachtbare Entwicklung zeigt.
Diese Erkenntnis können wir nach 25-jähriger Beobachtung der Therapieverläufe als gesichert ansehen und dementsprechend mitteilen. Wir versprechen nichts. Aber wir stellen fest, dass unsere Intensiv-Sprachtherapie ein guter Weg mit schrittweisen Entwicklungen zurück zur Sprache ist.
Und das sagen wir auch den Betroffenen.
Damals schien es kaum vorstellbar, dass man aphasische Menschen intensiv therapieren und mit ihnen mehrmals am Tag an ihrer sprachlichen Restitution arbeiten könnte.
Zum Glück brachte das Jahrzehnt des Gehirns von 1990 bis 1999 in den Neurowissenschaften neue, bahnbrechende Erkenntnisse zu Tage.
Und eine Erkenntnis, die mich maßgeblich beeinflusst hat, ist die Plastizität des Gehirns, die Lernfähigkeit.
Eine andere Erkenntnis fraß sich in mir fest: Durch gezieltes Lernen kann jeder Mensch, auch der hirngeschädigte, neue Nervenbahnen generieren. Die treten dann an anderer Stelle in die Funktion der abgestorbenen Nerven. Durch Intensivtherapie bringen wir sogenannte Sprachnerven zum Wachsen.
Schön wäre es, wenn wir dieses Nervenwachstum durch unsere Arbeit mittels bildgebender Verfahren zeigen könnten. Doch so weit sind wir leider noch nicht.
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Zwei mich überaus stark emotionalisierende Ereignisse brachten letztlich die Entstehung des Zentrums in Gang.
Nach diesen tiefgreifenden Ereignissen fühlte ich, dass ich etwas Entscheidendes – im Sinne der sprachtherapeutischen Zukunft für Patienten und auch für mich als Sprachtherapeut – verändern musste.
Das eine Ereignis war das Therapieerlebnis bei einem Patienten mit hypoxischem Hirnschaden nach Herzstillstand und Reanimation nach ca. 18 Minuten.
Meine ambulante Therapie 2 x pro Woche brachte – nun ja – für alle Beteiligten nicht die gewünschten schnell sichtbaren Ergebnisse.
Die Kolleginnen und Kollegen werden mir wahrscheinlich zustimmen wenn ich sage, dass die Kommunikationsbehinderung nach einem Politrauma eine der größten Herausforderungen für einen Sprachtherapeuten darstellt.
Das war ein Moment, in dem ich mir für diesen Patienten viel mehr Zeit wünschte. Ich fühlte, dass es notwendig war, stärker auf ihn einzugehen.
Das zweite bewegende Ereignis war die Frage seiner Ehefrau: „Gibt es eine Einrichtung, in der ich als Ehefrau dabei sein kann, wenn mein Mann Therapie erhält ?“
Ich fand die Frage nicht absonderlich.
Trotz vieler Recherchen in Deutschland und im europäischen Raum musste ich feststellen, dass es eine solche Einrichtung nicht gab.
Beide Ereignisse ließen mich fortan über ein „Sprachheilzentrum“ nachdenken. Es folgten viele Gespräche mit Kollegen und mit Patienten.
Kurz um, es entstand die Idee eines therapie-pädagogischen, sozialwissenschaftlich untermauerten Therapie-Konstrukts, das in der Lage sein müsste, durch Intensivierung des Lernens deutliche therapeutische Wirkung zu generieren.
Für die damalige logopädische Fachwelt war unser sich dann fortlaufend weiterentwickelndes Konzept ein völliges Novum.
Interessant waren Reaktionen wie: Das ist nicht durchführbar ! Das ist nicht medizinisch begründet ! Die Intensivtherapie in Lindlar ist Quälerei ! Das Logopädische Behandlungs- und Rehabilitationszentrum Lindlar wird nicht von einem Arzt geleitet !
Wie dem auch sei, zusammen mit meinen therapeutischen Mitarbeiterinnen und unseren Verwaltungsmitarbeiterinnen der ersten Generation begannen wir, unser Intensiv-Konzept in die Tat umzusetzen.
Spannend waren die ersten praktischen Erfahrungen. Die schienen nämlich die konzeptionellen Eckpfeiler unserer Intensiv-Sprachtherapie zu bestätigen.
Das waren und sind auch heute noch und werden wahrscheinlich auch in der nächsten Zukunft sein
- das gezielte, motivierte Lernen des Patienten,
- die Möglichkeit des ungestörten Lernens,
- das Lernen mit Nachhaltigkeit durch
- hohe Konzentration über mehrere Wochen hinweg,
- das patienteneigene Erfahren tatsächlicher, positiver Lernergebnisse,
- die (Wieder-) Gewinnung von Lernfreude durch Erfolge,
- die gewonnene Überzeugung, dass ich als Patient im Stande bin, unter guter, gezielter sprachtherapeutischer Führung tatsächlich neues Sprach- und Kommunikationsverhalten erlernen zu können,
- das hochfrequente Üben als Schlüssel zur Erreichung des angezielten Sprachhandelns,
- die vertrauensvolle und auf Respekt und Freundlichkeit aufbauende Zusammenarbeit der Therapiepartner Patient-Therapeut sowie
- das gemeinsame, „ehrgeizige“ therapeutische Arbeiten in Richtung Zielsetzung des Patienten.

Die Patienten, die früher und heute zu uns kommen, suchen gezielte, ambitionierte Sprachtherapie, um ihren sie unzufrieden machenden sprachlichen, sprecherischen, stimmlichen und sozial-kommunikativen Status zu verändern Sie wollen endlich auch ihre Lebenssituation deutlich verbessern.
Die Triebfeder, sich als Patient in unsere intensive, damit auch ambitionierte und phasenweise anstrengende Therapie zu begeben, war vor 25 Jahren ebenso wie heute die Sehnsucht nach Verbesserung und Erweiterung der eigenen sprachlichen und kommunikativen Kompetenz und damit nach deutlicher Verbesserung der Lebensbedingungen mit Sprache.
Diese Therapiezielsetzung hat sich im Laufe der 25 Jahre nicht geändert – heute nennen wir das nur modern nach dem ICF-Paradigma Verbesserung der sprachlich-kommunikativen Teilhabe im Privaten, in der Öffentlichkeit und im Beruf.
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Wie entwickelte sich dann alles praktisch weiter ?
Bereits nach den ersten 6, 12 Monaten mit zunächst nur 4, dann mit 6 und dann mit 8 Patienten erlebten wir mit der Zeit eine langsam steigende, aber erfreulich interessierte Nachfrage nach unserer Intensiv-Sprachtherapie. Nach mehreren Jahren kamen dann über 30 Intensiv-Patienten zu uns.
Sie können nachvollziehen, dass die steigende Zahl der Neu-Patienten letztlich wie ein Geschenk wirkte, denn mit der Zunahme der Patientenzahlen sammelten wir gleichzeitig zunehmend konkrete intensivtherapeutische Erfahrungen und Erkenntnisse in der praktischen Arbeit mit den unterschiedlichsten sprachlich Betroffenen.
Dieses Prosperieren der Intensiv-Therapie war natürlich für unsere wirtschaftliche Lage von sehr großer Bedeutung. Die Zunahme der Buchungen machte uns unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht nur Mut sondern auch sicherer. Wir begannen, das Zentrum zu erweitern.

Die steigende Zahl der „Wiederkommer“ entwickelte sich zu der Bestätigung des Lindlarer Intensiv-Konzeptes. Denn wenn sich Patienten zusammen mit ihren Partnern entscheiden wiederzukommen, freiwillig, dann ist dies ein eindeutiges Votum für unser Konzept und eine unumstößliche Bestätigung dessen Wirksamkeit.
Wer oder was sonst sollte besser die Effizienz unserer Intensivtherapie beurteilen können als unsere Patienten selbst, die Adressaten unserer therapeutischen Arbeit ?!
Da urteilen nämlich erwachsene Menschen mit Verstand und Urteilsvermögen !
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Es wird Sie nicht wundern, dass sich an unserer Intensiv-Idee in den 25 Jahren grundsätzlich wenig verändert hat.
Warum auch ?
Intensität in der sprachtherapeutischen Lernarbeit ist nun einmal das Entscheidende für den Erfolg in der Sprachtherapie generell.
Selbstverständlich wurde das Therapieportfolio im Laufe der Jahre durch die permanente Hereinnahme moderner Therapiemethoden erweitert und ausdifferenziert.
Auch die stete Verbesserung der Therapieplangestaltung in der Verwaltung brachte den Patienten und uns Therapeuten inhaltlich und organisatorisch immer verlässlichere Arbeitsgrundlagen.
Spezialisierungen innerhalb unseres Logo-Teams führten und führen zu kollegialem Erfahrungs- und Wissensaustausch, was dem fachlichen Niveau insgesamt gut tut.
Das später aufgrund der ICF-Programmatik eingeführte interdisziplinäre Zusammenarbeiten mit den Physio- und Ergo-Kolleginnen erweiterte unsere Blicke und damit neue Möglichkeiten des zielorientierten Arbeitens.
Das schuf ein gemeinsames Verständnis für die Notwendigkeit von ehrgeizigen Anstrengungen mit dem Anspruch der therapeutischen Intervention mit Evidenz, immer mit dem Streben, die definierten Ziele zu erreichen.
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Auch nach 25 Jahren bewährt sich der Therapiezeitraum von 4-6 Wochen als optimales Intensiv-Maß mit täglich 3 – 5 logopädischen Terminen in Form von zwei bis drei logopädischen Einzel-Therapiesitzungen, einer Zwei-Patientensitzung und einer störungsspezifischen Gruppensitzung.
Allen übungsfreudigen Patienten bieten wir über das Therapieangebot hinaus auch kostenfreie, sprachliche Anwendungsübungen entweder mit Praktikanten oder in Eigenarbeit am Computer oder in angeleiteter Übung mit dem ihn begleitenden Partner.
Wenn indiziert, erhalten die Patienten bei uns täglich auch ergänzende Ergo- und / oder Physiotherapie-Sitzungen.
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Sie werden sich denken können, dass der Entwicklungsverlauf des LogoZentrums Lindlar in den 25 Jahren phasenweise Berg- und Talfahrten glich – und nicht nur Ausdruck einer kontinuierlichen Glückssträhne war.

Finanzierungen – Bewältigen von Zinsentwicklungen und Zinsbelastungen – Umsatzschwankungen – die uns selbst auferlegte Verpflichtung zur verlässlichen Gehaltszahlung – die Erweiterungen unserer Raumkapazitäten – das z.T. mühsame Marketing – das Kreieren neuer Therapieformate wie z.B. die Intensiv-Rehabilitation für junge, schädelhirntraumatisierte Menschen, die Notwendigkeit des Erzielens erfolgreicher Therapieergebnisse in unserem Hause – die Entwicklung und Sicherung eines hohen Qualitätsstandards usw., all diese im Laufe der Jahre zu bewältigenden Aufgaben charakterisieren die Vielseitigkeit des Prozess- und Systemaufbaus in unserem Haus. Denn wir waren nicht im Besitz einer Blaupause. Alles war neu. Diese Aufgaben, die während der Aufbauphase ganz besonders intensiv zu bewältigen waren, gibt es prinzipiell auch heute noch.
Wir müssen flexibel, dynamisch und wissensdurstig bleiben, um so den Erfahrungsvorsprung vor anderen Anbietern bzw. Mitbewerbern zu behalten.
Aber – neben der anstrengenden Arbeit mit erhöhter Intensität bei uns Therapeuten – unser Tun bringt uns allen Genugtuung.
Denn die vielen, vielen an uns gerichteten Dankesworte von Seiten der Intensiv-Patienten und Intensiv-Rehabilitanden sowie ihrer Angehörigen entschädigen jede Mühsal, der wir uns stellen.
Die nach wenigen Wochen schon sichtbaren Therapieergebnisse spornen uns an.
Das sind die besten Evidenzen unserer mit Engagement betriebenen Arbeit.
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Die Zusammenarbeit mit jungen Menschen war und ist für mich persönlich ein großer Gewinn.
Studenten der Uni Köln, mit der wir einen Kooperationsvertrag haben, und Studenten der diversen Logopädenschulen und Fachhochschulen absolvieren hier ihre Praktika,
die Praktikanten lernen unser Intensiv-Therapie-Format kennen und verarbeiten Aspekte daraus in ihren Examens-, Bachelor- und Masterarbeiten,
Informationspraktikanten aus umliegenden Gymnasien wollen den Beruf der Sprachtherapeuten aus der Logopädie, Patholinguistik oder Sprachheilpädagogik kennen lernen.
Für sie alle steht unser Haus offen.
Auch Studentengruppen aus der Fachhochschule Nijmwegen und Studenten aus Magdeburg, die mit ihrem Lehrer Prof. Dr. Bloemers zwei mal hier waren, zeigen großes Interesse an unserem Thema.
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Meine erste Kollegin im Zentrum war Frau Dipl.-Päd. Holper, die ich herzlich willkommen heiße – in der Geburtsstätte der Intensiven Sprachtherapie !

Zu den Praktikantinnen der ersten Stunde 1991 zählten die ehemaligen Kölner Studentinnen Michaela Stroßenreuther, Gerda Mehrens, Manuela Lenort und Chantal Middeldorf.
Ich freue mich, dass sie uns nach wie vor die Treue halten und weiterhin als nun erfahrene Sprachtherapeutinnen für das Zentrum tätig sind.
Sie alle heiße ich zu unserem heutigen Fest herzlich willkommen.
Es ist mir ein großes Bedürfnis, allen unseren fleißigen ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – jeder bzw. jedem an seinem Platz – die im Laufe der vielen Jahre bis heute bei uns im LogoZentrum Lindlar engagiert für das Wohlergehen unserer Patienten gewirkt haben und heute wirken, herzlichst Dank zu sagen für Ihr Engagement, Ihre Treue und für Ihren Willen, „Berge zu versetzen“.
Ohne Sie hätte früher ebenso wie heute das LogoZentrum Lindlar nicht die Kraft, die es ausstrahlt.
Ich danke Ihnen von Herzen
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Mit dem Blick in die Zukunft wünsche ich mir zutiefst für unser Zentrum und für die sprachgestörten Betroffenen ein wirkungsvolles Weiterleben der Intensiv-Sprachtherapie in Lindlar.
Dazu haben wir bereits 2014 / 2015 Weichen gestellt. Wir haben das Logozentrum Lindlar in die juristische Person einer GmbH umgewandelt.
Diesen Prozess hat federführend und hervorragend meine Tochter Chantal Scharrenbroich-Middeldorf geleitet.
Als Geschäftsführerin trägt sie heute bereits mehr als die Hälfte der gesamten Verantwortung, die in der Leitung unseres Unternehmens mit über 100 Mitarbeitern zu übernehmen ist.
Liebe Chantal, heute hier und jetzt ganz formell: Ich zolle Dir nicht nur meine größte Anerkennung dafür, dass Du bereits so viel an Innovation in den letzten 10 Jahren in das LogoZentrum gebracht hast. Besonders hervorheben möchte ich die Zertifizierung durch den DBS, die Du mit Frau Keck und den anderen Teamleitern in Schmitzhöhe und Wipperfürth auf den Weg gebracht hast.
Ich muss einmal in aller Öffentlichkeit sagen, dass ich als Mit-Chef auf Deine bisherige berufliche Leistung außerordentlich stolz bin, und als Vater auf Deine bisherige Lebensleistung.
Ich erinnere mich gut an die Anfänge des Zentrums 1991. Da warst Du noch Studentin der Sprachheilpädagogik. Da warst Du eine großartige Stütze in dem kleinen Team. Du hast überall da im Zentrum angepackt, wo Not am Mann bzw. Not an der Frau war.
Ich sehe auch Frau Becker. Auch Dir, liebe Heidrun, sei an dieser Stelle für Deine selbstlose Hilfe in den Anfangsmonaten herzlichst gedankt.
Weißt Du noch, wie Du Deinen Freundeskreis mobilisiert hast, um Telefonate entgegen zu nehmen, Prospekte einzutüten und wegzuschicken, Faxe aufzugeben und all die Dinge zu erledigen, die im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit unerlässlich waren ?
Ja, das war vor 25 Jahren – wie doch die Zeit rennt !
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Eine Person möchte ich ganz besonders herzen.
Diese Frau hat mich in den ersten 10, 15 Jahren hautnah erlebt und sicherlich auch zeitweilig ertragen müssen.
Sie hat nie gesagt, ich sei ein Wor­k­a­ho­lic, was mir von anderer Seite nicht selten zugeschrieben wurde.
Auch wenn ich oft erst abends spät Feierabend machte oder jahrelang samstags hier meine Singgruppe und dann noch Beratungen durchführte – sie wusste, wofür das notwendig war. Sie zeigte weitestgehend größtes Verständnis.
Ich danke Dir, liebe Hannelore.

Als Praktiker erleben wir Sprachtherapeuten tagtäglich Menschen mit normabweichender Sprache,
mit ihren Sorgen und Glücksmomenten,
im Kindergarten, in der Grundschule, im Pubertätsalter, in der Ausbildung, im Studium, im Beruf, ohne Job, mit Job, allein gelassen, isoliert oder gut eingebettet in ihre familiäre Umgebung,
als Individualisten, mit ihrem persönlichen Leid, bei ihren Lernanstrengungen,
mit ihrer Ungeduld, von der sie getrieben sind und mit der Riesenhoffnung auf sprachlichen Erfolg.
Jeder Patient fordert uns mit seiner ganzen Persönlichkeit,
er will nämlich aus der individuellen Welt seiner Sprachstörung ausbrechen und neues sprachliches Verhalten lernen. Warum ?
Weil er das dringend braucht für eine aktivere, seine Zufriedenheit vergrößernde Teilhabemöglichkeit am sprachlichen Leben in unserer Gesellschaft.

Jede Sprachstörung – und das möchte ich ausdrücklich betonen – hat eine Individualität, die jeden sprachgestörten Menschen bisher geprägt hat und laufend prägt.
Diese Individualität der Störung wirksam zu verändern, das ist unsere Aufgabe.
Sprachtherapie ist sehr entscheidend für das zukünftige Leben der unter ihrer Sprachstörung leidenden Betroffenen, weil Sprache – wie wir alle wissen – die entscheidende Kompetenz ist, mit der wir uns geistig, sozial und psychisch entwickeln und mit der wir uns letztlich neuronal gesund erhalten.
Deshalb ist nicht-intensive Sprachtherapie als sogenannte Behandlung unzureichend.
Intensive Sprachtherapie geht tiefer und ist deshalb wirksamer.
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Abschließen möchte ich mit einem Gedanken, der Vielen vielleicht wenig bewusst ist:
Das laute Sprechen, also das Formulieren eigener Gedanken in Unterhaltung und Diskussion, ist die komplexeste Leistung des Gehirns.
Und die sollte aus therapeutischer Sicht kontinuierlich angeregt und immer wieder erbracht werden, damit die „Sprach- bzw. Sprechnervenzellen“ wach- und funktionsfähig bleiben.
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So, auf meinem Programmblatt steht an dieser Stelle: Middeldorf dankt und macht das Rednerpult frei für den Bürgermeister Dr. Ludwig.
Das tue ich gern, aber erst, Herr Ludwig, Sie werden es gestatten, muss ich allen Organisatoren und Organisatorinnen dieses Jubiläumsfestes und allen fleißigen Helfern herzlich danken für ihren tollen Einsatz.
Sie alle verdienen unseren kräftigsten Applaus.

Abschließend wünsche ich uns allen einen interessanten Fortgang unseres Jubiläumstages.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Herr Dr. Ludwig, bitte !

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